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Südsauerlandmuseum Attendorn Skulpturen des Mittelalters 1200 -1550 [266a]

Vortragekreuz mit Aufsteckknauf

Kreuz (Südsauerlandmuseum Attendorn CC BY-NC-SA)
Provenance/Rights: Südsauerlandmuseum Attendorn (CC BY-NC-SA)

Description

Der Brauch während der Messfeier ein Kreuz auf den Altar zu stellen ist seit dem späten 11. Jahrhundert belegt. Grund muss eine Änderung der liturgischen Zeremonie gewesen sein, bei der nun neben dem Kreuz auch Kelch, Patene ,Evangelienbuch und Leuchter auf die Altarmensa gestellt wurden. Das bewegliche Kreuz wurde dabei auf einen separat gearbeiteten Fuß gesteckt, es konnte aber auch, auf einen Stab montiert, als Vortragekreuz dienen. Die Mehrzahl der Kreuze und Kruzifixe waren dabei keine Reliquienträger und somit auf die Funktion als Altar- und Vortragekreuz beschränkt. Etwa 800 romanische Bronzekruzifixe – mit und ohne Kreuz - sind heute erhalten. Der größte Teil stammt aus dem 12. Jahrhundert. Mit Beginn der Gotik im frühen 13. Jahrhundert lässt die Produktion von Bronzekruzifixen nach, so dass sie als eine typisch romanische Kunstform anzusehen sind.

Zu den wenigen komplett mit Kreuz, Korpus und Knauf erhaltenen Bronzekruzifixen des Hochmittelalters gehört das Vortragekreuz aus der Pfarrkirche in Attendorn. Der Knauf dient dabei als Zwischenglied, um das Kruzifix wahlweise auf einer Prozessionsstange oder einem Kreuzfuß zu montieren. Das plastisch gearbeitete Blattornament mit Perlband, das den Knauf - den sog. Nodus – bildet, hat eine Entsprechung in der gravierten Pflanzengestaltung an den Kreuzarmen und in dem Lendentuch des Korpus Christi, was die ursprüngliche Zusammengehörigkeit belegt.
Die quadratische Mittelform und die rechteckig abschließenden Balkenenden des Attendorner Kreuzes zeigen eine Form, die bereits im 11. Jahrhundert zu finden ist und im 12. Jahrhundert in Deutschland verbreitet war. Die als Krückenkreuz bezeichnete Form ist die jüngste und am stärksten unter den erhaltenen Bronzekreuzen vertreten Form.
In der Zusammensetzung der einzelnen Elemente ist die Kreuzgestaltung des Attendorner Bronzekruzifix jedoch recht ungewöhnlich: Alle vier Balkenenden und die Vierung werden durch rechteckig verbreitete Felder betont. Eine erhabene Profilleiste mit Perlband umrandet das Kreuz. Den Kreuzenden aufgesetzt entspringen drei Akanthusblätter, deren Silhouette lilienähnlich geformt ist. Bemerkenswert ist dabei die Kombination zwischen verbreiterten Balkenenden und Blattschmuck: in Blattformen endende Kreuzbalken sind sehr selten und die Kombination mit verbreiteten Balkenenden gar ohne Vergleichsbeispiel. Die Fläche der Kreuzbalken ist vorne glatt gearbeitet und über dem Haupt Christi erhebt sich in plastischem Relief die Hand Gottes.
Die Kreuzgestaltung mit verbreiteten Hastenenden und Hand Gottes über dem Haupt Christi ist eng verwandt mit dem Bronzekreuz aus der kath. Pfarrkirche in Bergisch Gladbach/Paffrath , einem Bronzekreuz des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Köln (Ende 12 JHs.)), sowie einem um 1200 datierten Kruzifix des Historischen Museums Frankfurt a. M. Das Vergleichsbeispiel in Bergisch Gladbach/Paffrath hat darüberhinaus ähnliche Profilleisten und Schmuckbänder auf der Vorderseite und eine, in der Ausführung einfachere, aber motivisch gleiche Gestaltung der Rückseite mit Agnus Dei (Lamm Gottes) und den vier Evangelistensymbolen - ein klassisches ikonographisches Programm romanischer Bronzekreuze.
Die aufgeführten Kreuze gehören zu einer Gruppe, die ihren Schwerpunkt im Groß-Kölner Raum hat und vornehmlich nach der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden. Attendorn, im Herzogtum Westfalen, gehörte seit dem Reichstag von Gelnhausen im Jahre 1180 zum Territorialgebiet des Kölner Erzbischofs und lag somit auch im Einflussbereich der Kölnischen Kunst.

Der Corpus Christi des Attendorner Kreuzes zeigt horizontal ausgebreitete Arme und nebeneinander auf das Suppedaneum gestellte Füße. Christus neigt den Kopf zur rechten Seite und die Augen sind geschlossen. Ruhig und ohne Schmerz ist sein Gesichtsausdruck. Neben den Darstellungen mit geschlossenen Augen gibt es in romanischer Zeit auch den Kruzifixus mit geöffneten Augen. Die Kennzeichnung des Todes beschränkt sich in erster Linie auf die Markierung der Augen und die Kopfhaltung. Eine Begründung für die Darstellung des lebenden oder toten Christus am Kreuz ist nicht zu geben. Ebenso wie eine daraus zu schließende landschaftliche Zuordnung.
Der Körper des Gekreuzigten ist bei den Bronzekruzifixen immer in einer lebensnahen, stehenden Gestalt zu sehen, welche die sieghafte Sinngebung des Kruzifixus betont. In diesem Kontext sind Lilienkrone und Hand Gottes als Versinnbildlichung des Gedankens der Krönung durch Gott zu verstehen. Sie machen das Handeln und die Erscheinung Gottes sichtbar und sind, wie bei anderen Kruzifixen auch, der einzige Dekor auf der Recto-Seite. Unter der dextera Dei (Hand Gottes) sind die Schriftzeichen ΏA’ graviert. Eine schlüssige Deutung hierfür ist bisher nicht gefunden worden, da die Buchstaben aus sich heraus heute unverständlich sind und bisher nichts vergleichbares gefunden werden konnte. Schriftqualität und –type scheinen jedoch zeitgenössisch zu sein und keine spätere Zutat.

Das Attendorner Vortragekreuz besticht durch seine feine Goldschmiedearbeit: das Lendentuch, das sog. Perizonium, ist durch ein Perlband geschmückt, wie es auch die Vorderseite des Kreuzes umgibt. Der Stoff wird durch eine Punktierung strukturiert. Haar, Bart und Augenbrauen des Messias sind durch Ritzung angegeben und die Lilienkrone durch eine Schraffur hervorgehoben. Die feine vertikale Schraffur scheint nach den Beobachtungen von Maria Ancykowski eine westfälische Sonderform zu bilden, die auch bei einem Kruzifix in Wetzlar und einem in Altena zu beobachten ist. Die Ausformung des Körpers ist dagegen nur summarisch - was auf eine Entstehung im Rhein-Maasgebiet verweist. Typisch für diese Kunstlandschaft sind auch die Blattmotive und Schmuckformen mit denen der Rankenknauf versehen ist. Zusammen mit der Form des Kreuzes als Krückenkreuz mit der Hand Gottes (dextera Dei) über dem Haupt Christi, lässt sich die Lokalisierung auf den Kölner Kunstraum konkretisieren.

Wird der Blick des Betrachters auf der Vorderseite des Kreuzes auf den plastisch gearbeiteten Korpus Christi und die in Relief erhabene dextera Dei gelenkt, zeigt die Rückseite eine Gestaltung in Gravurtechnik, welche allein durch die Positionierung der Motive eine Hierarchie gibt. Die Quadratenden des Kreuzes und das die Vierung betonende Quadrat zeigen in runden Medaillons das Agnus Dei, darüber den Adler für Johannes Ev., links den Löwen für Markus, unten den Engel für Matthäus und rechts den Stier für Lukas. Sie sind die bildliche Darstellung des eschatologischen Bezuges zwischen dem Lamm Gottes und den Evangelien: Die vier geflügelten Wesen, Symbole der Evangelisten als Zeugen der Passion, verbreiten den Sinn des Erlösungswerkes in alle vier Himmelsrichtungen. Der Kreuzstamm ist mit graphischen Mustern aus Rauten, Perlbändern und schraffierten Rändern betont. Die vegetabilen Ornamente können als Baum-Metaphern gedeutet werden und stellen den Bezug von Kreuzesstamm und Baum des Lebens her. Der Querbalten trägt statt der Rauten wiederum eine rätselhafte Inschrift: IS∩ und ATN.
Besonders in der Gestaltung der Rückseite zeigt das Attendorner Kreuz große Ähnlichkeit zu dem bereits genannten Vortragekreuz der kath. Pfarrkirche in Bergisch-Gladbach/Paffrath, einer Kölner Eigenkirche. Der detailliert Vergleich zeigt jedoch, dass das Attendorner Kreuz harmonischer und qualitätvoller gearbeitet ist. Daraus schließt Maria Anczykowski, dass beide Kruzifixe, um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert entstanden und ein gemeinsames Vorbild gehabt haben könnten.

Die älteste Herkunftsangabe zu dem Attendorner Bronzekruzifix stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und belegt eine Aufstellung in der Pfarrkirche der Südwestfälischen Kleinstadt. Der frühe Beleg spricht für die romanische Datierung des Vortragekreuzes, denn Bronzenachgüsse im Zuge der historisierenden Ausstattung von mittelalterlichen oder historisierenden Kirchen sind erst ab 1860/70 greifbar. Zu bekannten Gießereien, die hier Nachgüsse produzierten und vertrieben gehören u.a. die Firma J. H. Schmidt-Söhne in Iserlohn oder die Isenburger Hütte.
Die Herkunft des Attendorner Bronzekreuzes aus einer städtischen Pfarrkirche entspricht den Beobachten von Peter Bloch, der für die ca. 630 untersuchten Bronzekruzifixe feststellte, dass, soweit bekannt, der größte Teil aus städtischen und dörflichen Kirchen stammt. Dagegen sind nur wenige Stücke für Abtei- oder Bischofskirchen belegt. In den reichen Kirchen sind eher prachtvolle Kreuzformen wie Triumphkreuzgruppen nachzuweisen, die wiederum in den schlichten Gotteshäusern kaum eine Rolle spielten.
Die Herstellung der leicht zu transportierenden Kleinplastik ist in den großen städtischen Zentren zu vermuten. Hier gab es große Werkstätten, welche den komplizierten und aufwändigen Bronzeguss beherrschten, und finanzkräftige Auftraggeber. Diese fehlten im größtenteils strukturschwachen alten Herzogtum Westfalen. Die Kirchen der Region importierten vornehmlich Kleinbronzen für den liturgischen Bedarf. Das kurkölnische Sauerland bezog dementsprechend besonders die Gegenstände für den religiösen Gebrauch von den großen in Köln und Umgebung tätigen Werkstätten, wo vermutlich auch das Attendorner Vortragekreuz entstanden ist.

Anlass für die Stiftung des bronzene Vortragekreuzes könnte der um 1200 errichtete dritte romanische Bau der St. Johanneskirche in Attendorn gewesen sein. Über die Ausstattung dieser spätromanischen Basilika mit eingezogenem Kleeblattchor ist heute leider nichts mehr bekannt. Die mittelalterlichen Quellen der Stadt Attendorn, in denen Auskünfte über Stiftungen und Nutzung von Kircheninventar zu vermuten ist, gingen bei dem großen Stadtbrand 1783 vollständig verloren. Jüngere Quellen nennen das Vortragekreuz nicht, es gilt aber als alter Bestand der Pfarrkirche.

Material/Technique

Bronze / vergoldet

Measurements

Kreuz: H 39 cm; B 32 cm; T 0,6 cm ; Korpus: 22,5 cm, Spannweite der Arme 20 cm ; Knauf (Nodus): H 11,3 cm, D 8,5 cm

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Object from: Südsauerlandmuseum Attendorn

Der volle Name des Museums lautet "Südsauerlandmuseum Attendorn - Museum für Kunst- und Kulturgeschichte des Kreises Olpe in Attendorn" Das ...

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